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Tobbi und sein Hobby (18.12.2002 - 00:00)
Wenn es Winter ist und wenn Tobbi kommt, der eigentlich Ástmundur heißt und die Hindisvík-Pferde züchtet und betreut, holen wir uns bequeme Stühle, weil man sich auf allerhand plastische, verrückte und wahre Geschichten einstellen kann. Er berichtet von schmuddeligen oder pingelig-reinlichen Einzelgängern, von liebenswerten Querköpfen und mißverstandenen Alltagshelden, daß es eine Art hat; von gefräßigen Hühnern, die vor nichts Halt machen, von Katzen, die ganze Pferdeherden in Schach halten oder von Hunden, die so groß sind wie Absetzerfohlen und genau so lieb (seine eigenen Hunde nämlich). Nichts von dem ist übertrieben oder gar gelogen, aber alles ist gesalzen und gepfeffert, daß einem beim Zuhören die Tränen kommen - vor Vergnügen.
Tobbi ist einer von denen, der bei Sturm und Schneetreiben allein oder mit den Nachbarn loszieht, um Fohlen und Stuten im hügeligen Hinterland einzusammeln, wenn man nicht einmal einen jährlingsgroßen Hund vor die Tür schicken würde. Und wenn er gefragt wird, warum die Aktion nicht auf bessere Tage verschoben werden könnte, antwortet er schlicht: Wir hatten es so ausgemacht, und dann machen wir es so. Und darauf folgt eine Beschreibung des Wetters, wie man sie sich angesichts standardisierter und monotoner Wetterberichte in den Medien schon ewig gewünscht hat: Von Kälteschauern gepackt spürst du deine Füße nicht mehr, die Luft schneidet, die Haut brennt und die Lungen wollen reißen, und du spürst den Hunger der Anstrengung, so stark fesselt dich die Erzählung, und sie amüsiert dich noch dazu. Daß einer so blumig erzählen kann, ist schon ein Talent. Und wenn ich mich hier in unserem Tal so umschaue, dann gibt es viele Talente. Zum Beispiel den Schafbauer Helgi, der schnitzt. Seine handhohen Pferdchen kommen in allen Farben und Schattierungen dahergetöltet. Anfänglich standen sie mit geraden Beinen wie angewurzelt auf dem Boden, als wären sie noch nicht ganz mit dieser Welt vertraut. Je sicherer Helgi beim Schnitzen wurde, um so freier und ungebundener gerieten seine Pferde. Heute würden sie von Zuchtrichtern gut beurteilt, Gebäude und Gangeigenschaften stimmen, ganz anders als bei Helgis richtigen Pferden. Das gibt er freimütig zu und schließt einen Vortrag über den Goldenen Schnitt im ästhetischen Empfinden der Menschen an, und wie relativ einfach der sich auf einen Artefakt übertragen ließe, aber um so schwerer auf Gottes freie Geschöpfe. Jón malt surrealistische Landschaften und Figuren auf Leinwand, vorzugsweise mit Hörschutz im Kuhstall. Zusammen mit Sibba (Beruf Krankenschwester) hat er die produktivsten Milchkühe unserer Region, recht gute Pferde, einige Schafe, aber seit Sibba einen jungen Fuchs großzog, um ihn zu zähmen, gibt es auf ihrem Hof nur noch eine Henne und einen Hahn. (Die Geflügelzucht mußte zu Gunsten der Pelztierzucht beträchtliche Einbußen hinnehmen, sagen die Nachbarn, und Sibba gibt es mit Gelassenheit zu.) Jóns Bilder hängen in lokalen Hotels, und für sein Portrait von Halldór Laxness wurden ihm mehrfach größere Summen geboten. Wie Helgi, so ist auch Jón Autodidakt. Wenn unser hiesiger Männerchor im nationalen Glitzer-Showpalast Broadway in Reykjavík auftritt, erntet Guðmundur (weiter hinten im Tal) immer besonderen Applaus. Seine Interpretation des Don-Kosaken-Liedes (Wolga, Wolga ?) reißt alle vom Hocker, und mit einer Unzahl an Liedern und seiner Ziehharmonika kann Guðmundur einen ganzen Abend als Alleinunterhalter bestreiten. Sonst züchtet er Schafe. So ließe sich noch manches Talent hier aufzählen, abgesehen von den vielen anderen, die zwei Berufe haben. Hier auf dem Land gibt es Lehrerinnen, die auch Bäuerinnen sind, oder Bauern, die täglich den Schulbus fahren; einen Pfarrer, der reiche Lachsangler fachmännisch begleitet und Bauern, die Baugruben ausheben oder den Schnee wegpflügen, weil sie sich entsprechende Maschinen angeschafft haben. Es ist immer wieder erstaunlich, wie vielseitig das Landleben macht. Sicher, es gibt auch in der modernen, städtischen Gesellschaft viele Talente. Manche sind geniale Surfer und sonst Bankangestellte, wieder andere können mit Flugdrachen herumsegeln und überleben jeden unverhofften Seitenwind; im Alltag sind sie vielleicht Gärtner oder MTA, oder sie reiten in ihrer Freizeit wie die Amazonen und sitzen sonst im Kindergarten und basteln. Alles sehr schön und gut. Der Unterschied ist nur, daß viele Hobbies in erster Linie für einen selbst sind. Sie sollen die Persönlichkeit reicher machen, nicht unbedingt den Alltag der Nachbarn. Das ist hier anders. Viele Talente teilen sich mit, sei es in nachbarschaftlicher Hilfe, wenn dringende Aufgaben getan werden müssen, oder in nachbarschaftlicher Entspannung, wenn wir z.B. ein Chorkonzert besuchen, mit Helgi über den Goldenen Schnitt philosophieren oder Tobbi ein Ohr schenken. Wir hier auf dem Land brauchen alle diese Leute, und sie bereichern unseren Alltag mit ihren Talenten. Um noch mal auf die Hobbypflege zurückzukommen: Zweimal in der Woche trainiert Tobbi mit einigen Mitgliedern des Reitervereins Hörður Fußball. Oder vielleicht kicken sie auch bloß, denn es sind keine elf, die da spielen, sondern nur fünf. Ihre Austragungen nehmen sie allerdings ernst. Sie spielen gegen die Fünf vom Reiterverein Fákur, der u.a. Sigurbjörn Bárðarson als Stürmer aufgestellt hat, oder treten gegen andere Reitervereine an. So wäre es nicht undenkbar, ein Landsmót der Fußballfreunde innerhalb isländischer Reitervereine zu veranstalten, irgendwann im Sommer, damit im Winter, wo es so wichtig ist, Zeit für das Erzählen und die Talente bleibt.
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