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Islands pferdefreie Region (31.1.2003 - 00:00)
Die Welt ist zweigeteilt, weil zu jeder Sache ihr Gegenteil gehört. Aber weil es im Alltag zu unnötigen Verwicklungen führen würde, sich dieser Doppelung ständig bewußt zu sein, ignorieren wir sie meistens und sind damit zufrieden, wenn sich uns nur eine Seite jeder Sache offenbart, bevorzugt die schönere und bequemere. Und wenn wir feststellen müssen, daß die Dinge nicht so einfach sind, wie wir dachten, dann machen wir verdutzte Gesichter. Beispielsweise, wenn sich etwas, was wir für sicher hielten, als gefährlich erweist, wie autofahren etwa. Oder wenn wir, wie ich vorhin, in einem Standardwerk für professionelle Köche blättern, um ein paar Anregungen zu sammeln, und dort im Wörterverzeichnis unter all den Köstlichkeiten auf den Begriff ?Fastenzeit? stoßen. Ja, genau: Gefahr und Sicherheit, essen und fasten, verdutztes Gesicht wider besseres Wissen - das sind Gegensätze, die zusammengehören. Wie reiten und ..., ja, was? Wie Traumland für Pferde einerseits und ..., ja, was?
Ich möchte über den pferdefreien Bezirk Árnessýsla schreiben, den abgelegensten Teil der Region Strandir, die Gegend nördlich von Hólmavík an der Bucht Húnaflói. Es ist eine dünn besiedelte Region mit malerischen Fjorden, steilen Bergen, silbernen Treibholzstämmen, zutraulichen Seehunden, mit vielen kräftigen Schafen, verlassenen Höfen und geisterhaften, ehemaligen Heringsfangorten, mit schlechten Straßen, saftigen Weiden, Gespenstern und Märchenfiguren, tüchtigen Menschen, und so könnte ich endlos weiter aufzählen. Nur eines würde diese Aufzählung nicht enthalten: Pferde.
Im Traumland der Islandpferde gibt es seit dem vergangenen Herbst eine pferdefreie Region, während der freundliche, vierbeinige Kamerad aus dem hohen Norden in immer mehr Teilen der Erde Fuß faßt, zuletzt in Neuseeland.
Die pferdefreie Region - eine Nachricht, welche der größten Tageszeitung Islands immerhin wichtig genug erschien, um sie auf die Titelseite zu setzen. Dort stand am 13.11.97: ?Nun ist der Bezirk Árneshreppur pferdefrei, denn der Bauer von Bær in Trekyllisvík hat kürzlich sein letztes Pferd verkauft. Es gab dort immer Pferde auf jedem Hof, und in den letzten Jahren gab es noch auf drei Höfen Pferde. Es scheint eine Nachricht wert, daß es diese Agrargegend nun pferdefrei ist.?
In der Tat. Wenn es in irgendeiner Region dieses traditionellen Pferdelandes keine Pferde mehr gibt, wird sich das soziale Leben ändern, denke ich mir, und deshalb fragte ich beim Vorsitzenden des Reitervereins Hólmavík, der größten Siedlung in Strandir, nach den Auswirkungen dieser ?Pferdefreiheit? an. Ich erfuhr, daß sie auf den 45-köpfigen Reiterverein Blakkur (= Rappe) in Hólmavík, gegründet am 15.5.1960, keine Auswirkungen haben wird. Die Pferde nördlich von Hólmavík, so sagt der Vorsitzende Guðjón, seien sowieso ?eher eine Freude fürs Auge? gewesen und weniger zu Turnieren geeignet, so wie sein Verein sie alle zwei Jahre in Zusammenarbeit mit einem Reiterverein der südlichen Westfjorde austrägt. (Der südliche Westfjorde-Verein heißt Kinnskær, was eine spezielle Fellfarbe des Islandpferdes beschreibt, nämlich einen Fuchs mit hellen Flecken an den Backen. Solche Pferde kommen selten vor, bevorzugt jedoch in der Gegend Dalir und den südlichen Westfjorden, und sie stammen vom Gæðingur der Landnehmerin Auður djúpúðuga (Auður die Weise) ab, das ?kinnskær?, ?mit grellen Backen?, gewesen sein soll.)
Engagierte Reiterinnen und Reiter sind die Bewohner des Bezirks Árnessýsla also nicht gewesen, solange es dort noch Pferde gab. Der Reiterverein in Hólmavík vereint Pferdefreunde aus dem Ort selbst sowie seiner unmittelbaren Umgebung. Mir ist außerdem nicht bekannt, daß aus Árnessýsla Stuten oder Hengste stammen, die die heutige Islandpferdezucht in irgendeiner Weise beeinflussen würden. Im Gegenteil: die Pferde, die es da bis vor Kurzem gab, waren wahrscheinlich nicht sehr nützlich, sondern ?reine Augenweide?. Das ist immerhin etwas. Und wie sieht es mit dem Schafabtrieb aus? Wenn Islandpferde in ihrem Heimatland heute sowohl kommerzielle als auch soziale Aufgaben haben, nämlich Zuchtpferde sind oder Kumpels während der Freizeit, dann ist ihnen doch eine traditionelle Aufgabe geblieben: Einmal im Jahr die Schafsucher ins schwer zugängliche und unbewohnte Wildweidegebiet zu tragen (und wieder zurückzubringen), wenn es Herbst wird.
Die Berge in Árnessýsla sind viel zu steil für Pferde, sagten mir einige dort ansässige Schafbauern. Wir gehen zu Fuß wie immer schon, und wir werden seit einigen Jahren von vierradgetriebenen, einsitzigen Fahrzeugen unterstützt. Die dürfen zwar offiziell nicht abseits der Wege und Straßen quer durch die sensible Vegetation sausen. Doch wenn der Boden gefroren ist, scheint Manches möglich, nicht zuletzt, wenn schwache oder verletzte Schafe zu Tal gebracht werden müssen. Das schaffen die Menschen kaum allein, das leuchtet mir ein.
Es geht also ohne Pferde, oder? ?Wenn es keine Pferde in Island gäbe, wäre ich nicht hier?, sagt Steffi, die seit August bei uns mithilft und Pferde sowie Hühner versorgt. Aber ich glaube kaum, daß jemand von den Einheimischen die Region Árnessýsla verlassen würde, weil es dort keine Pferde mehr gibt. Landflucht in Island hat andere Gründe, z.B. die schwierigen Verbindungswege zur Schule, zum Arzt, zu den Nachbarn. Diese mühsamen Strecken, die im Winter im Schnee versinken und verhindern, daß Abendkurse zustandekommen, daß der Chor sich regelmäßig trifft, daß Nachbarn sich spontan besuchen oder die Kinder mehrerer Höfe zusammen spielen können. Die spärliche Besiedlung und der Abbau der verhältnismäßig teuren Versorgung für die Wenigen, die ausharren: das sind bittere Gründe für die Landflucht. ?Keine Pferde? Eine Sorge weniger?, sagte eine Bäuerin in Árnessýsla. So hat jede Sache ihre zwei Seiten.
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