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Zeitschrift ISLAND Mai 2009 (27.5.2009 - 00:00)

Eine neue Ausgabe der Zeitschrift ISLAND ist unterwegs, voller interessanter Artikel, z.B. zur vielzitierten Reinerhaltung der Sprache, um nur einen Höhepunkt zu nennen. Yðar einlæg, meine Wenigkeit, nimmt an dieser Stelle ein Buch zum Anlass, über deutsche Einwanderung nachzudenken.
Deutsche Landnahme in Island – im Spiegel der Jahrzehnte
Betrachtet von Gudrun M. H. Kloes anlässlich der Herausgabe von „Þýska landnámið“ von Pétur Eiríksson 2008.

Landnahme ist nicht Einwanderung. Die Einwanderung kann kurz oder lang sein, sogar für immer; doch es gibt auch Besuche, die freiwillig oder unfreiwillig stattfinden. Eine einzelne Person kann kaum eine Landnahme durchführen, jedenfalls nicht in einem bereits besiedelten Land. Zur Landnahme gehört eine stattliche Gruppe. Nicht alle Landnehmer werden vom entschlossenen Geist der Wikinger getrieben. Auf diverse Aspekte der Einwanderung, des Besuchs oder gar der Landnahme soll hier im Nachfolgenden erzählerisch und teilweise mit wissenschaftlicher Unterbauung eingegangen werden.
Beginnen wir 1983, kurz nach meiner eigenen offiziellen Einwanderung nach Island. Da fiel mir in Reykjavík ein abgegriffenes Heftchen in die Hände, etwas gröβer als der damals gültige deutsche Reisepass und im gleichen satten Dunkelgrün gehalten. „Winke für deutsche Arbeiter in Island” steht auf dem Titel, darunter „Leiðbeiningar fyrir þýzkt verkafólk á Íslandi”. Als Herausgeber zeichnet der Landwirtschaftliche Verein Islands, das Erscheinungsjahr ist mein Geburtsjahr, 1949.
Die zweisprachige Schrift ist in vier Kapitel geteilt. Diese sind wie nachfolgend überschrieben:
1.Die isländische Landwirtschaft
2.Wörterliste
3.Zur Aussprache des Isländischen
4.Inhaltsverzeichnis
Im ersten Kapitel wird weiter ausgeholt; reine Landwirtschaft ist nur eines der Themen. Da wird die Wohnsituation ebenso ehrlich und ungeschminkt dargestellt wie die tägliche Arbeit auf dem Land, die Straßenverhältnisse und manch anderes. Auf das 24-seitige Vademecum wird an dieser Stelle so ausführlich eingegangen, weil es spätere Ausführungen blendend beleuchtet.
Unter anderem heißt es im Abschnitt über die Siedlungs- und Wohnweise:
„Das isländische Bauernhaus war früher ein kleines Gebäude, das aus Rasen, unbehauenen Steinen und Holz besteht; solche Gebäude existieren vielerorts immer noch. Vielfach löste ein Holzbau so ein altes Bauernhaus ab, an dessen Stelle aber jetzt immer mehr das städtisch aussehende Betonhaus tritt.“ Von sanitären Einrichtungen wird dezent geschwiegen. Es hat sie wohl kaum gegeben. Selbst Marlene Dietrich, die irgendwann in den Jahren 1940-42 vor britischen Soldaten in Sauðárkrókur auftrat, dürfte in der kleinen Niederlassung vergeblich eine Dusche gesucht haben, es sei denn, sie hätte sich in die Molkerei verirrt, wo Gegebenheiten zur Körperpflege vorhanden gewesen sein sollen.
Die „Winke“ schildern auch die Arbeitsbereiche und gliedern sie nach Geschlechtern.
„Die Mägde helfen der Bäuerin bei der Hausarbeit, helfen aber außerdem im Sommer bei der Arbeit im Freien mit, wie z.B. bei dem Heumachen und der Gartenarbeit. Auf den Höfen ist es vielfach üblich, dass die Frauen das Melken der Kühe besorgen, wobei die Mägde selbstverständlich mithelfen müssen. Die Knechte helfen den Bauern bei allen nötigen Arbeiten in jeder Jahreszeit.“

Adam und Eva, Halur og Sprund

Zwischen den oben angeführten Zeilen ist ersichtlich, dass die Mägde längere Arbeitstage zu erwarten haben und dabei sowohl der Hausfrau als auch dem Hausherrn unterstellt sind – zu jeder Jahreszeit, denn Kühe wollen beispielsweise rund ums Jahr täglich zweimal gemolken werden – 730 mal per annum. Der Knecht dagegen hilft nur dem Bauern und entschlüpft zu bestimmten Jahreszeiten der Routine. Seine Tätigkeit ist saisonbedingt abwechslungsreicher und beinhaltet hier und da geruhsame Tage mit Reparaturen oder gar Nichtstun, wenn die Männer des Haushalts beispielsweise wegen Schneesturms zu Müßiggang verdammt sind. Wann immer der Knecht zu den Mahlzeiten ins Haus kommt, wird er sich mit dem Hausherrn an den gedeckten Tisch setzen und nach der Mahlzeit noch ein Nickerchen machen, während die Magd aufgetragen und abgeräumt haben wird, mit der Hausfrau ein verhuschtes Essen eingenommen haben dürfte, nachdem die Herren sich erhoben hatten; dann muss sie noch fix spülen und kann wieder losrennen – aufs Feld, in den Stall, zum Putzen oder Waschen. So habe ich es kurz nach 1980 noch selbst erlebt, und obwohl ich als Magd nie angeheuert war, fand man keinen anderen Status für mich als den der widerspruchslosen Helferin an allen Ecken und Enden – den Männern auf dem Hof und der Hausfrau unterstellt.
Schließlich wird die Ungerechtigkeit durch die Staffelung des Lohnes vollendet. Der Wochenlohn von Landarbeitern und Landarbeiterinnen 1947-1948 – zuzüglich Kost und Logis – betrug für die Frühjahrsarbeit eines Mannes 300-350 Kronen, die Arbeit einer Frau 125-150 Kronen. Zur Mahd erhielten Männer 375-400 Kronen die Woche , die Frauen 175-225 Kronen. Diese Beträge galten allerdings nicht für die Deutschen, deren Jahresvertrag auch die ruhigeren Monate abdeckte. Ihr Entgelt lag deutlich unter dem isländischen Mindestlohn. Männer erhielten 46% davon, Frauen immerhin 61%, was damit begründet werden könnte, dass sie mehr Tätigkeiten ohne längere Einweisung verrichten konnten als die deutschen Knechte, von denen viele keinerlei Erfahrung mit dem Landleben hatten.
Es spielte also eine gravierende Rolle – und das nicht nur in Island - ob es sich um Adam oder Eva, um Halur oder Sprund handelte. Daraus machen auch die „Winke“ keinen Hehl. Die Wörterliste beginnt mit heimili – Haus und Familie, und zeigt die Hierarchie auf: Hausherr, Hausfrau, Kinder, Gesinde.

Von der Trave zu den heißen Quellen

Die „Winke“ dienten als Einführung in isländische Verhältnisse und wurden – so kann man sich leicht ausmalen – bestimmt mit höchstem Interesse gelesen.
Von wem?
Von jenen 314 deutschen Landarbeitern und Landarbeiterinnen, die ab dem 4. Juni 1949 in die Ungewissheit nach Island aufbrachen, von der sie sich doch weit mehr versprachen als von einer Zukunft im zerrissenen Nachkriegsdeutschland. Ihnen waren die Winke zugedacht. Zuerst bestiegen 185 Personen, darunter ein Kind, die „Esja“ in Hamburg; die Lübecker Nachrichten schrieben „Von der Trave zu den heißen Quellen”(8. Juni 1949) . Andere sollten ihnen mit Fischereischiffen folgen. „Dies war die gröβte Gruppe von Ausländern, die bis dahin nach Island gekommen ist, von der Besatzung der Briten und Amerikaner abgesehen.“
Das Ereignis ist wichtig genug, um ihm heute, fast 60 Jahre später, ein ganzes Buch mit dem Titel „Die deutsche Landnahme“ (Þýska landnámið) zu widmen. Autor ist Pétur Eiríksson, der das Buch bei Sögufélag veröffentlichte, dem Historischen Verein. So genau wie möglich trägt er auf 189 Seiten Quellen und Fakten zusammen, so dass sich ein facettenreiches Bild jener schicksalhaften zwei Jahre entfaltet, zu denen sich die 314 Deutschen verpflichtet hatten. Der Autor rollt zunächst die Entwicklung auf, die 1947 mit einem Antrag des Landwirtschaflichen Vereins an das Parlament Alþingi ins Rollen kam, als Regierung und Alþingi aufgefordert wurden, Wege zu ebnen, um Ausländer mit Herkunft aus den nordischen Staaten sowie aus Norddeutschland nach Island „einzuführen“, wobei es sich um Personen zwischen 20 und 30 Jahren handeln sollte, die für 2-3 Jahre als Landarbeiter zur Verfügung stehen würden.
Damals hatte sich in ländlichen Kreisen Islands die Abwanderung in die Ortschaften schon lange bemerkbar gemacht. In allen Regierungsbezirken der Insel überwogen darüberhinaus männliche Bewohner. Mit Blick nach Europa, das deutlich an den Kriegsfolgen litt, verwundert es nicht, wenn die Idee aufkam, tatkräftige Landarbeiterinnen und Landarbeiter aus Deutschland anzuwerben. Dort standen die Menschen vielfältigen Problemen gegenüber: Es fehlte dramatisch an Wohnraum und öffentlichen Gebäuden, Flüchtlinge aus dem Osten mussten sich gänzlich neu orientieren, Fabriken wurden demontiert und Kriegsgefangene kehrten heim, wo sie einer hartem Konkurrenz um Arbeitsplätze unterworfen waren, die Entnazifizierung war im Gange, Geld aber war ebenso knapp wie das Warenangebot.
Diese Ausgangssituation machte sogar ein abgelegenes Land wie Island attraktiv. 1948 entstand dort mit Hinblick auf die anzuwerbenden Arbeitskräfte ein Regelwerk in sechs Punkten, die nötigen Papiere für die Einwanderung benennend. Neben einer Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung mussten ärztliches Attest, ein Arbeitsvertrag, ein Führungszeugnis und schließlich auch ein Entnazifizierungsbeleg vorliegen.
Eine bedeutende Rolle bei der Vorbereitung aller Formalitäten spielte Árni Siemsen, Vizekonsul Islands in Lübeck. Ihm wurde am 24. März 1949 in einem Telegramm mitgeteilt, alles in die Wege zu leiten, um 150-200 Personen, im Verhältnis 2,5 Frauen auf einen Mann, anzuwerben. Dies geschah mit Rundfunkanzeigen sowie Offerten in den Druckmedien.
Wer angenommen hat, dass die Bürokratie vom Zusammenbruch am Kriegsende hart betroffen gewesen wäre, liegt indes falsch. Ein zähes Ringen mit Vorschriften setzte ein, um die Arbeitswilligen mit den richtigen Papieren auszustatten; auch die britische Besatzungsmacht hatte da ein Wörtchen mitzureden.
Dies alles ist dem Buch über die deutsche Landnahme zu entnehmen. Um ein so vielseitiges Bild wie möglich zu zeichnen, streut der Autor immer wieder Zitate aus Interviews ein, die er mit nunmehr ansässigen Einwanderinnen und Einwanderern des Jahres 1949 führte. Erwartungsgemäß ist ein Großteil der in Island sesshaft gewordenen Deutschen nicht mehr am Leben; der Autor greift also auch auf zahlreiche andere Quellen wie Biografien oder Nachrufe zurück.
Weil der Mensch des Menschen Freude ist, wie es in Island heißt, erlaube ich mir mit freundlicher Genehmigung des Autors, illustrierende Bruchstücke aus dem Leben der Zuzügler wiederzugeben.

Einzelschicksale und Kulturschock

Doch zuerst ein Vorgriff. 2007 organisierte das isländische Rote Kreuz mehrere Arbeitsgruppen, um den gegenwärtigen Bedingungen und Ansichten von Einwanderern in Nordisland näher zu kommen und sie mit Daten aus dem Hauptstadtgebiet vergleichen zu können. Da wurde von Seiten der „Personen mit ausländischem Hintergrund“ u.a. folgendes laut:
„Alle erleiden einen Kulturschock Hier war nichts, der ganze Weg von Keflavík war voll mit nichts, keine Leute, keine Bäume, nichts, und so ist es manchmal immer noch, es ist als ob die ganzen Leute sich versteckten, hier gibt es nichts als Zeit.“
Eine andere Stimme von 2007 beschreibt die Situation so:
„Isländer haben ein eigenartiges Interesse an der Sippenforschung. Doch niemand fragt mich nach meiner Verwandtschaft, und es überrascht die Isländer geradezu, dass ich in meinem Heimatland Eltern habe, Geschwister oder Freunde. Es ist, als ob wir alle auf dem Flughafen von Keflavík geboren wären.“
Wenn dies 2007 gesagt wird, wie war die Situation dann 1949? Welchen Poblemen standen die Neuankömmlinge damals gegenüber?

Pullover als Monatslohn

Pétur Eiríksson hat beim Versuch, die Situation 1949 zu rekonstruieren, die alten Akten des Landwirtschaftlichen Vereins gründlich studiert. Darunter befindet sich der Brief einer deutschen Landarbeiterin vom 22. Juli 1949. „Da beschwert sich das Mädchen, dass der Bauer ihr den Lohn nicht in Geld, sondern in Form von 1-2 Pullovern monatlich zahlen wolle. Deswegen bat sie um eine andere Anstellung. Dieses Mädchen kam am 6. Juli nach Island, so dass man nichts anderes sagen kann, als dass sie schnell reagierte. Doch die Reaktion des Landwirtschaftlichen Vereins auf diese Klage war eher bescheiden. Der Landwirtschaftsdirektor schrieb dem Pfarrer des Kirchspiels, in dem das Mädchen angestellt war, postwendend einen Brief und bat darin, dem Mädchen auszurichten, dass der Landwirtschaftliche Verein keine Möglichkeit sähe, eine andere Anstellung zu finden, ohne dass schwerwiegende Gründe vorliegen würden. Da stellt sich die Frage, welche Gründe als triftig genug angesehen worden wären, um den Arbeitgeber zu wechseln. Es ist nicht bekannt, ob der jungen Frau der Lohn ausbezahlt wurde oder nicht, doch am 3. Oktober des gleichen Jahres wendete sich der Bauer an den Landwirtschaftlichen Verein und beschwerte sich darüber, dass seine Magd davongelaufen sei. Es ist nicht verwunderlich, dass ein gerade 18 Jahre altes Mädchen – isoliert, der Sprache nicht mächtig, möglicherweise betrogen und an einem abgeschiedenen Ort untergebracht – aufgab und die Flucht ergriff. Das Ende der Geschichte ist, dass sie mit einem Fischereischiff von Akureyri wieder nach Deutschland fuhr.“ Doch Pétur Eiríksson fand in den Akten auch Belege dafür, dass höhere Löhne als ursprünglich vereinbart bezahlt wurden. In einem anderen Fall stellte sich die Frage nach Unterhalt und Krankenversicherung; eine junge Frau kam schwanger nach Island und wollte dort ihr Kind zur Welt bringen. Die bäuerliche Familie, die sie verpflichtet hatte, kam ihr entgegen; die Frau konnte auf dem Hof bleiben, und es wurden Wege zwischen Kommune und Staat gefunden, um für den Unterhalt aufzukommen.
Während die „Winke“ die Wohnsituation in Island zur Mitte des 20. Jahrhunderts knapp und kühl beleuchten, geht Pétur Eiríksson mit einem speziellen Kapitel darauf ein. Da ist aus zitierten Immobilienberichten von 1950 zu erfahren, dass damals 504 Grassodenhäuser als Wohngebäude dienten, sowie 277 Wohnhäuser aus einer Kombination von Stein-, Grassoden- und Holzhaus bestanden. Bei 6475 registrierten Wohnhäusern machen die Grassodenhäuser somit 12% aus. Es ist nicht bekannt, wieviele der Deutschen in solch einfachen Behausungen lebten, nur ein Fall ist belegt, doch „selbst Menschen, die aus den zerbombten Städten Deutschlands kamen, müssen zusammengefahren sein, wenn man sie in den Gemeinschaftsschlafraum (baðstofa) eines isländischen Grassodenhauses führte“, wie der Autor resümiert. Er schreibt, dass die Deutschen jener Zeit elektrisches Licht gewohnt gewesen seien, aber auch Wasserklosetts und Badezimmer, und dass Häuser aus gemauerten Wänden bestanden hätten und nicht „in die Erde gegraben“ wären. „Daher ist der Schluss nicht abwegig, dass manch ein junger Mann oder eine junge Frau bei der Ankunft auf einem isländischen Bauernhof einen Kulturschock erlitt.“
Zur Ausstattung der Häuser und zur Hygiene zieht Pétur Eiríksson weitere Statistiken heran. Demnach gab es in nur 26% der Fälle ein Bad, und häufig bestand die Toilette aus einem Plumpsklo außerhalb des Wohnhauses (was ich auch aus meiner Kindheit in Rheinhessen noch in lebhafter Erinnerung habe). Nicht selten jedoch wurde einfach auf den Boden im Kuhstall verwiesen ...
An dieser Stelle erlaube ich mir erneut einen Zeitsprung, diesmal zum Ende der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Da waren fast fünzig Jahre vergangen, seit die „deutschen Landnehmer“ nach Island kamen. Heute ist die Motivation, der Auslöser für einen Islandaufenthalt auf dem Lande differenzierter als damals; viele Islandfreunde kennen Personen, die wegen der Pferde, aus Liebe, aus Neugier oder um Inspiration zu suchen, für eine begrenzte Zeit in Island weilten. So auch Christina Griebel, Schriftstellerin, Kunsterzieherin und Malerin. 2003 veröffentlicht sie eine Kurzgeschichtensammlung, die unter anderem auf Island eingeht. Eine der Geschichten beginnt so: „Ich verließ ihn an dem Tag, als er in die Ecke kackte, die Ecke im Kuhstall neben dem Verschlag für die Jungbullen, den ich ausgemistet hatte, denn zu etwas anderem taugte ich nicht. Ich war noch einmal in den Stall gekommen, um nach meinem schwarzen Pannesamtschal zu suchen, den ich über der Trennwand zur Bullenecke hängend vermutete, und da hockte er in der Ecke und kackte und ich suchte nicht weiter nach dem Schal.“ Mit dieser drastischen Darstellung kann die Schilderung sanitärer Umstände auf sich beruhen.
Christina Griebel beschreibt auch ihre Ankunft auf dem Hof. Wie es 1949 war, schildert Eva María Þórarinsson im Buch „Þýska landnámið“ .

Am Ende der Welt angelangt

„Solange wir noch zusammen in einer großen Gruppe waren, war es noch ganz in Ordnung, doch indem wir immer weniger wurden, rutschte uns das Herz in die Hosentasche. Als wir dann nach Lindarbrekka (in Nordisland) kamen, erwartete uns eine reichliche Kaffeetafel. Wir waren nur noch zu zweit im Auto, Käthe Bruchmann und ich. Da einigten wir uns darauf, dass wir allem, was uns auch begegnen sollte, eine heitere Seite abgewinnen würden. Ich glaube, dass diese Einstellung anfangs viel gerettet hat. Dann fuhren wir von Lindarbrekka nach Austurgarður, und als ich das Bauernpaar in der Haustür stehen sah, löste sich meine ganze Angst auf. Ich sah, dass sie mindestens ebensoviel Angst hatten wie ich.“
Sicher stellten sich die isländischen Arbeitgeber Fragen – ob ihr neuer Knecht am Krieg teilgenommen und gar Menschen getötet hat? Ob ihre neue Magd ein leichtfertiges Mädchen oder von zu Hause weggelaufen war? Aus zahlreichen Interviews, die Pétur Eiríksson mit den deutschen Einwanderern führte, geht hervor, daβ sehr viele von ihnen überaus gut aufgenommen wurden. So aber traf es Gerda Hermannsdóttir bei ihrer Ankuft an: „Wir fuhren über die Hvítá nach Brúarhlöð. Als wir über die Brücke kamen, stand da ein Mann mit einem mächtigen Bart und vielen Pferden. Ich sagte zum Chauffeur: „Lieber Gott, willst du hier anhalten? Das ist wie auf dem Mond, keine Wiesen, nur Steine.“ Er sagte: „Was, hier gibts genug zu tun und genug zu essen, das reicht.“ Nein, das reichte mir nicht, damit war ich nicht zufrieden.“
Am meisten verblüfft hat die Einwanderer jedoch, dass man auf dem Land auf verstreuten Höfen und nicht in Dörfern wohnte. Dieser Umstand dürfte die Einsamkeit beträchtlich unterstrichen haben. Selbst der Anblick des Landes musste befremdet haben. Ilse Wallmann Árnason, eine der Gründerinnen des Deutsch-Isländischen Freundschaftsvereins in Südisland, schildert das so: „Ich erinnere mich gut daran, wie wir mit dem Bus nach Osten fuhren und von Kambar (westlich von Hveragerði) über das Gebiet Flóinn sahen. Ich vermisste den Wald, doch gibt es so viel anderes in der hiesigen Landschaft, das dafür entschädigt.“
Einige junge Frauen kamen zu den abgelegensten Höfen Islands. Olga Guðleifsdóttir im Südosten hätte, um nach Reykjavík zu kommen, einige Gletscherflüsse überqueren müssen – im Sattel. Sie wäre über die weiten Sander geritten, wo Anfang des Jahres 1903 der deutsche Fischkutter Friedrich Albert bei Svínafell strandete und 11 Tage später, nach Sturm und Frost, acht Besatzungsmitglieder mehr tot als lebendig gefunden wurden; sie hatten so schwere Erfrierungen, dass einige von ihnen amputiert werden mussten. Diese Havarie trug zur Einrichtung der ersten Seenotrettungshütte Islands auf dem Sander Skeiðarársandur bei.
Blumenkohl und Schafsköpfe
Oder Elfriede Plötz (Elfríð Pálsdóttir), die es nach Siglunes in Nordisland verschlug – eine Landzunge beim heutigen Siglufjörður, an der Eva Braun während ihrer Kreuzfahrt 1939 bestimmt vorbeigekommen ist. Von dort zog Elfriede nach Dalatangi. 26 Jahre lang lebte sie mit ihrer Familie am Ende der Straße – noch weiter nach Osten kann man in Island auf dem Landweg nicht kommen. In Dalatangi legte sie – wie viele andere deutsche Frauen, die in Island blieben – einen Gemüsegarten an und trug so zur Veränderung der Essgewohnheiten bei. „Ich begann sofort Gemüse zu züchten“, erinnert sich Elfríð . Sie richtete sogar ein Treibhaus ein und zog dort Äpfel, Birnen, Tomaten, Erdbeeren und alles mögliche – auch Blumen. Ihr Mann hatte wenig Verständnis für den Blumenzinnober und war auch vom Gemüse nicht begeistert, das er Gras nannte. Kohl und anderes Grünzeug zog auch Ellinor Kjartansson (von Zitzewitz) in Südisland, die aus Pommern geflohen war und danach einige Jahre in Schleswig lebte. Sie verstand etwas von Landwirtschaft, denn ihr Vater bewirtschaftete ein großes Gut, wo Ellinor eine 2-jährige Landwirtschaftslehre absolvierte. Meiner Mutter erzählte sie 1984 während unseres Besuchs auf ihrem Hof Sel, wie sie ihrem Mann und dessen zwei auf dem Hof lebenden, ledig gebliebenen Brüdern erstmals selbst gezogenen Blumenkohl vorsetzte, und ich belauschte die Schilderung. Die Männer hätten gemäkelt und die Gesichter verzogen. Kulturschock im eigenen Haus! Da habe sie mit der Faust auf den Tisch gehauen und gesagt: „Jahrelang habe ich eure verflixten Schafsköpfe gegessen, und nun esst ihr meinen Blumenkohl!“
Zum guten Schluss
Es war längst überfällig, dass dem Thema der deutschen Einwanderung nach Island eine wissenschaftliche Arbeit gewidmet wurde. Sicher, es wurde in Zeitschriften, im Fernsehen und sogar im abendfüllenden Kino behandelt , doch nie so umfassend wie jetzt. Es wäre unterhaltsam, weitere Anekdoten heranzuziehen, Namen aufleben zu lassen und aus dem höchst willkommenen Buch von Pétur Eiríksson zu zitieren, doch ich will es dabei belassen. Damit allein wird man dem Buch nicht gerecht. Wie bereits oben gesagt, vermittelt es ein sehr detailliertes Bild und greift auf eine Fülle von Daten und Quellen zurück. Im Anhang befindet sich eine Zusammenfassung in deutscher Sprache.
Man kann davon ausgehen, schreibt Pétur Eiríksson, dass „die Deutschen der länger in Island bleibenden Gruppe, soweit bekannt, 340 Kinder bekommen haben. Ihre direkten Nachfahren sind aller Wahrscheinlichkeit nach über ein Tausend, wenn dieses auch nicht besonders untersucht wude.“

Nachsatz:

Es mag interessant sein, der neuesten Studie von Hagstofa über Einwanderer (oder Bürger mit ausländischem Hintergrund, wie es in Island heißt), kurz einen Blick zu widmen.
1930 machten deutsche Einwanderer ca. 0,1 % der Gesamtbevölkerung aus, 1950 waren es 0,4%, und 1960 knappe 0,4%. Lange Jahre bestimmten Einwanderer aus den skandinavischen Ländern das Bild. Einwanderer definiert das Statistische Amt Hagstofan folgendermaßen: Beide Eltern der betreffenden Person haben eine ausländische Staatsbürgerschaft und sind im Ausland geboren, ebenso die Großelternpaare.
Jährlich werden rund 700 Einbürgerungsanträge positiv beschieden, so dass es einer wissenschaftlichen Annäherung bedarf, die Pro-Kopf-Zahl der in Island lebenden Bürger mit ausländischem Hintergrund zu ermitteln. Doch über die gemeldeten Deutschen liefert Hagstofan in der kürzlichen Studie folgende Information: 1996 waren es 526 Personen, 2001 waren es 717, im Jahr 2006 stieg die Ziffer auf 1007, und 2008 lag sie bei 1.191.
Als Nation führt Polen die Liste der Einwanderer mit Abstand an, da kann Deutschland nicht mithalten, doch liegt es, wenn einzelne Herkunftsländer verschiedener Erdteile betrachtet werden, immerhin an zweiter Stelle. Es kommen Musiker, Studenten, Buchhalter, Sozialarbeiter, Krankengymnasten, Versicherungsangestellte, Atomphysiker, Volkswirtschaftler, Pferdemenschen, Übersetzer und landwirtschaftliche Hilfskräfte, sowie alles andere zwischen Himmel und Erde. Wenn man heute die Zahl der Deutschen prozentual als Anteil an der Gesamtbevölkerung Islands misst, kommt man ungefähr auf die 0,4% von 1950 ...

Fussnoten und Quellenangaben sind an dieser Stelle nicht enthalten, jedoch in der Zeitschrift ISLAND nachzuschlagen. ISLAND wird von den deutsch-isländischen Freundschaftsvereinen in Köln und Hamburg herausgegeben.



Beitrag von Gudrun M. H. Kloes
 
 

 
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