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Tausend Jahr danach... (04.07.2001 - 22:40) Ganz Island ist im Tausender-Taumel. Ganz Island? Nein! Auch einige mehr oder weniger abgelegene Küstenorte Grönlands und Nordamerikas, darunter Brattahlíð und Langaey, wie Long Island auf Isländisch heißen würde. Mit ihrer Stadt New York gilt Langaey als Weltnabel. Dort geht alles ganz schnell, und das Gedächtnis ist eher kurz. Aber die Welt ist heutzutage komplex und hat mehrere Nabel. Einer war dieses Jahr in Eiríksstaðir in der touristisch bislang unterprivilegierten Region Dalir in Westisland. Hier ist das Gedächtnis sehr haltbar, wie wir weiter unten noch sehen werden. Seit mehr als tausend Jahren gibt es in Eiríksstaðir ein verlassenes Haus, heute sind nur noch Grundmauern da. Hier lebte die Sagagestalt Erik, genannt der Rote, mit seiner Frau Þjóðhildur, hier wurde deren Kind Leifur Eiríksson - Leif der Glückliche - geboren, der als erster Europäer nach Amerika segelte. Tausend Jahre soll dieses Ereignis nun hersein, wenn man den Isländersagas Glauben schenken darf. Die Grundmauern von Eiríksstaðir sind gelinde gesagt bescheiden, sozusagen von der Größe einer heutigen Garage. Damit soll Erik nicht zu nahe getreten werden, denn wer das jemals tat, hatte alle Sünden auf einmal zu bereuen. Die Frage allerdings bleibt: Hat ein so großer Mann wie Erik, dem eine ganze Isländersaga gewidmet ist, sich wirklich mit einem so kleinen Haus abfinden können? Heute sind sogar die Ferienhäuser in Island größer! Die Lage des Gehöfts im Haukadalur, dem Falkental, ist wunderbar und bietet einen weiten Blick über das grasige Land, einen geschlängelten Fluß und grüne Hänge auf der anderen Seite. Dort drüben liegt Saurstaðir, wo zu Eriks Zeiten offenbar Eyjólfur Saur lebte, Eyjólfur Dreck. Heute wohnen Ásta und Bæring wohnen dort (einige der HESTUR-Leserinnen und Leser kennen sie sicherlich und erinnern sich der Pfannkuchen und Waffeln mit Sahne …). Ásta, Bæring und Eyjólfur müssen weiter unten noch einmal erwähnt werden, auch wenn etwa tausend Jahre zwischen ihnen stehen. Grasüberwucherte Grundmauern also in Eiríksstaðir. Damit und mit dem postkartengroßen Schild, auf dem "Archäologischer Bodenfund" vermerkt war, konnte kein Staat gemacht werden. Soweit der Stand der Dinge im Juni 1998. Kein Wunder, daß Tilmann damals zweifelte, bei den Recherchen zu seinem spannenden Buch über Erik den Roten (s.u.) den richtigen Ort Eiríksstaðir am Ende verfehlt zu haben … aber dieser Zweifel würden ihm heute nicht mehr kommen. In respektvoller Entfernung zu den Grundmauern und neuen Ausgrabungen entstand in Eiríksstaðir ein hypothetisches Gebäude, das alle Kenntnisse der Historiker und Archäologen über das ehemalige Gehöft vereint. Mehr noch: Alles Wissen über Handwerksmethoden und Bautechnik der Wikingerzeit floß ebenfalls in den Neubau mit ein. So ist neben den Originalgrundmauern ein Haus aus Grassoden und Treibholz entstanden, das dem Haus Eriks des Roten deutlich ähneln dürfte - er könnte direkt einziehen: Die Türen schließen dicht mit altmodischen Schloßkonstruktionen, am Boden ist Platz für das Langfeuer, Felle liegen auf den Bettstellen, der Webstuhl ist bespannt. Sogar Räucherlamm-Keulen hängen in der Speisekammer, ein Messer zum Abschneiden liegt gastfreundlicherweise dabei, und mein vorwitziger Sohn Jóhann entdeckte zwischen den Dachsparren ein vergessenes Handy. Es wäre also für alles gesorgt. Halt - woher sollte heutzutage das Feuerholz kommen? Bis auf recht schüttere Birken hier und da ist alles abgeholzt worden, teilweise schon zu Lebzeiten Eriks. Damals wurde für Bauten, Feuerholz und das Badehaus, das dort üblich war, wo heiße Quellen nicht gleich vor der Tür liegen, so gründlich gerodet, daß sich die Erde an einer Stelle vom Boden löste und bei einem starken Regen als Erdrutsch zu Tal glitt, den Hof eines Nachbarn von Erik verschüttend. Überlebende gab es nicht. Die holzfällenden Sklaven Eriks wurden von den weniger trauernden als vielmehr rachsüchtigen Verwandten der Verschütteten beschuldigt, den Erdrutsch wissentlich ausgelöst zu haben, was einige Totschläge auf beiden Seiten nach sich zog, wie es damals wohl so üblich war, und darin gipfelte, daß Erik den Eyjólfur Dreck von gegenüber erschlug. Das war zuviel, und die Lage wurde für Erik so brenzlig, daß er das schöne und fruchtbare Falkental mit Sack und Pack und Mann und Maus verlassen mußte. Diese Ereignisse sind bis heute im Falkental nicht vergessen. Das weiß ich, weil mein anderer Sohn, der aus dem vorwitzigen Alter heraus ist, beim Bau des neuen Eiríksstaðir-Hauses mitgewirkt hat. Einmal brauchten sie spezielle Steine für den Vorplatz, solche, wie sie auch vor dem echten Gebäude liegen. Diese Steine wollten sie von gegenüber holen, bei Ásta und Bæring. In Saurstaðir ankommen, erhielten sie eine Abfuhr. "Das will ich Eyjólfur nicht antun", erwiderte Bæring das Ansuchen der Bauarbeiter, "daß ich Steine zum Aufbau von Eiríksstaðir bereitstellen würde." Ob das nun ein abschließendes Wort zum tausend Jahre zurückliegenden Hader, dem Bergrutsch aus ungeklärter Ursache, den Totschlägen ist? Die Zukunft wird es zeigen. Der kleine Leifur also zog mit seinen Eltern vom Falkental nach einer Station in der Bucht Breiðafjörður (wo der Raufbold Erik weitere Männer totschlug) nach Grönland. In Brattahlíð (= Steilhang) entstand eine Wikingersiedlung, in der man über alle Kenntnisse der damaligen Zeit verfügte, was Landwirtschaft, Glaubensdinge, Gesetze und nicht zuletzt Schiffsbau und Navigation betraf. Sie müssen stolze Schiffe besessen haben, wenn sie damit bis nach Nordamerika gekommen sind, auch wenn die Rekonstruktion namens Íslendingur (= Der Isländer) sich in zeitgemäßen Häfen gelinde gesagt bescheiden ausmacht. Heute sind sogar die Binnenyachten größer! Es muß unbequem gewesen sein auf so einem Knörr; eine anstrengende Fahrt. Für Leifur und seine Leute war es eine Fahrt ins Ungewisse. Gunnar Marel als Kapitän von Íslendingur bestätigt die Mühsal, aber er konnte sich auf eine tausendjährige Erfahrung auf dieser Seefahrtsroute und moderne Technik stützen. Er wußte genau auf den Faden, was Leifur nur vermutete: daß das Meer ein Ende hat und weit hinten in Land übergeht. Anfang Oktober lief sein nach alter Technik erbautes Holzboot, der Exot unter den die Meere kreuzenden Frachtern aus aller Welt, nach montelanger Reise wie geplant in New York ein und wurde mit Applaus in Empfang genommen. Aber er betrat kein Neuland wie Leifur. Auch wenn beide Männer mutig sind, so bildet Leifur doch die Ausnahme, und deshalb wird sein Mut heute entsprechend gefeiert. An mehreren Stellen Islands, aber auch in Grönland und in L'Anse Aux Meadows, dem mutmaßlichen Landungsort der Wikinger in Nordamerika, gab es im Jahr 2000 Feste. Eins fand im Falkental statt, wo mehr als tausend Leute zur Eröffnung des kleinen, reinlichen Hypothesen-Gebäudes zusammenkamen, zelteten, nach Wikingerart dichteten, Met brauten und das Feuer mit einem Blasebalg schürten. In letzter Minute war das Grassodenhaus fertig geworden, nachdem aus Versehen ein zurücksetzendes Baufahrzeug eine Schmalseite eingedrückt hatte … Das Fest dauerte drei Tage und war rauschend. Vom möglichen Widerspruch der Eyjólfur-Fraktion in Saurstaðir war nichts zu vernehmen. Und wer nun Genaueres erfahren will, hat folgende Möglichkeiten, denn die Winterabende sind nicht nur in Island lang: www.dalir.is als Einstieg; das ist die Homepage der bislang touristisch unterprivilegierten Region Dalir in Westisland, in der das Falkental liegt. Tilman Röhrig, "Erik der Rote oder die Suche nach dem Glück". Dressler-Verlag 1999. Dies ist ein spannend zu lesendes, sorgfältiges Buch mit verstecktem Humor und klaren Figuren. Die Fortsetzung der dort genannten Ereignisse schildert "Die Gudrid Saga - Ein Roman aus der Zeit der Wikinger" von Kirsten A. Seaver. Limes-Verlag 1997. Das Buch handelt von Gudrid (= Guðríður), die als erste europäische Frau bereits im Wikingerzeitalter nordamerikanischen Boden betrat und dort ein Kind zur Welt brachte. Die Namensgebung der Charaktere mag verwirrend sein, wenn man vorher Röhrigs "Erik" gelesen hat, wo diese Dinge einfach stimmiger sind. Sonst gibt es an der Gudrid-Saga nichts auszusetzen. P.S. Tilman Röhrig nennt das Falkental nach langer Diskussion und Überlegung Habichtstal. So stehts in alten deutschen Fassungen des Landnahmebuches und an anderen Stellen, und da wollte Tilman keine Revolution verursachen. Aber warum nicht? Haukur ist halt nun mal Falke. Habichte waren und sind in Island nicht heimisch. [Leifur Eiríksson in Dalir] Beitrag von Gudrun M. H. Kloes
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