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Landflucht unter den Elfen? (06.07.2001 - 09:29) Die Isländer glauben zuhauf an unsichtbare Wesen, allen voran an huldufólk, die Verborgenen. So geht es aus Statistiken hervor, die sich auf Meinungsumfragen stützen. Erhebungen zum Glauben an Unsichtbare sind indes keine neu gewonnene Weisheit; schon 1978 veröffentlichte Erlendur Haraldsson sein umfangreiches Werk "Þessa heims og annars" (etwa: Von dieser Welt und anderen, Erhebung zur spiritistischen Erfahrung der Isländer, ihre Einstellung zum Glauben und Volksglauben), das voller Zahlen zum Thema unsichtbare Welt steckt, oder besser: zur unsichtbaren Bevölkerung dieses Planeten. Auf die Frage "Hast Du Elfen oder Verborgene gesehen?" antwortete damals jeder Fünfte mit Ja, und ein Großteil davon will Elfen und Verborgene neunmal oder öfter gesehen haben. Heute ergeben Schnell-Umfragen in Tageszeitungen und anderen Medien, daß zwischen 60 und 70% der Bevölkerung die Existenz von Elfen und anderen Elementarwesen wenn nicht direkt bestätigen, so doch immerhin nicht in intellektualisierende Zweifel ziehen wollen. Diese Ziffer wird immer wieder gedruckt und weitergereicht, so daß sie eine Eigendynamik entwickelt, die sie nach und nach in Richtung Wahrheit bugsiert, in Richtung der verallgemeinernden Behauptung, daß der Elfenglaube in Island weit, ja fast flächendeckend verbreitet sei. Derzeit arbeitet Magnús Skarphéðinsson, der Direktor der Elfenschule in Reykjavík, an einer Sammlung von Erlebnisberichten, die die Beziehung Mensch-Verborgene zum Inhalt hat. Darauf darf man sich freuen. Denn trotz all der Berichte von Begegnungen stehen noch zu viele Fragen im Raum, deren vordringlichste den Alltag und die Lebensweise der Verborgenen betreffen. Führen sie ein Leben wie wir, nur halt zumeist unsichtbar? Oder sind sie wählerisch, verwerfen die Nachteile der Konsumgesellschaft und leben edel, hilfreich und gut - so wie wir sein sollten, aber vor lauter fehlerhaftem Mensch-Sein kaum sein werden? Sind sie unser besseres "alter ego"? Oder sind sie stockkonservativ und verharren in einem verflossenen Zeitsegment, das Grimms oder Andersens Märchen zuzuordnen wäre? Þórður Tómasson in Skógar, der dort in seinem Museum drei Dinge aus der Elfenwelt verwahrt, hat selber nie Elfen gesehen, zweifelt aber die Aussagen seiner Nachbarn und Freunde, die hellsichtig sind und Verborgenen begegneten, auf keinen Fall an. Berichten seiner Bekannten zufolge gibt es Elfenautos, die manchmal auf der Straße, die den Sander Mýrdalssandur quert, herumkutschieren. Elfensichtige Menschen-Autofahrer sind daran erkennbar, daß sie den Autos der Verborgenen höflich ausweichen. Aber wer sitzt in den Elfenautos drin? Nun kommen wir wieder zu den vordringlichsten Fragen: Sind es Elfenfamilien auf Campingurlaub, die ein paralleles Leben zu unserem menschlichen führen - die Mutter rauchend auf dem Beifahrersitz, die Elfenkinder in Elfencomics blätternd auf dem Rücksitz, der Elfengrill im Kofferraum? Oder ist es eine verborgene Schönheit auf dem Weg zur Miß-Wahl der verborgenen Welt? Vielleicht auch ein älterer Bauernelf, der von der Chorprobe nach Hause kommt? Was tun sie eigentlich, wenn sie nicht autofahren? Reiten sie auf Elfenpferden aus, klettern auf Berge und erholen sich im Schwimmbad Seite an Seite mit uns Sichtbaren? Gibt es ein Elfenparlament mit Abgeordneten aus allen Landesteilen, Parteien und Filz? Oder gehen die Verborgenen unangefochten von Gezänk und kollidierenden Interessen hochgewachsen und schön zu Fuß, lehnen modernen Firlefanz wie Autos, Grill und Comics ab, beschreiten würdevoll ihre Ländereien und kehren wohlgemut zu ihrer Felsenwohnung zurück? Sind sie wirklich mitten unter uns? Fragen über Fragen! Oberhalb von Akureyri wurden Elfenwohnungen gesehen, hell von Kronleuchtern ausgestrahlt; den Strom dazu lieferte (oder liefert auch heute noch?) ein Elfenkraftwerk. Das ist kaum unglaublicher als der Elfenglaube an sich. Allbekannt sind vielfach zitierte Berichte von Straßenbaumaschinen, die erbitterten Verborgenen zum Opfer fallen, wenn ihre Wohnorte beim Wegebau in Gefahr sind. Der Tunnel unter dem Walfjord hat einen Schutzgeist, Staupa-Steinn. Der ist nach einem Prospekt der Tunnelbetreiber freundlich, langhaarig, bärtig, männlich und wird nur von wenigen Leuten gesehen, doch gibt es eine Zeichnung von ihm, die nach Angaben der hellsichtigen Erla Stefánsdóttir angefertigt wurde. Darauf sieht er aus wie ein zwergwüchsiger, vergnügter Hippie. Noch bekannter ist dank rühriger Werbung des lokalen Fremdenverkehrsamtes die Stadt Hafnarfjörður als Wohnort der unterschiedlichsten Unsichtbaren. Ein Stadtplan verzeichnet, wo all die Wesen hausen, gesehen worden sind, Kirchen haben oder ihre Streiche treiben ("Frankish boy elves predominate on Hamarinn cliff, although quieter elfin beeings are there too"). Nicht nur das, die hellsichtige Erla Stefánsdóttir hat Zeichnungen der Unsichtbaren und ihrer Wohnorte angefertigt, so wie sie sie sieht. Da sind Elfen abgebildet (isl. álfar), die mager und langbeinig sind, im Prinzip menschliche Züge haben, aber auch wie pummelige Kinder aussehen können, die voller Begeisterung die Verkleidungskiste plündern. Die Verborgenen (isl. huldufólk; von denen ist in diesem Artikel vorzugsweise die Rede) sehen uns Sichtbaren deutlich ähnlich, nur hat ihre Kleidung trachtenartige Züge, vergleichbar mit den Illustrationen in Märchenbüchern. Die Zwerge (isl. dvergar) sind als wahre Hutzelmännchen abgebildet, ebenso die Gnome (isl. jarðdvergar), nur sind sie noch kleiner als Zwerge. Die einprägsame Abbildung des Tunnelschutzgeistes ist vermutlich als eine Art Markenzeichen dieses Bauwerkes gedacht, das während seiner Bauzeit übrigens von Elfenübergriffen verschont geblieben ist, möglicherweise, weil es sich in einer zutiefst unbewohnbaren Region befindet. Die Zeichnungen der unsichtbaren Wesen in und um Hafnarfjörður dienen als Vorlage für immer weitere Abbildungen und verleiten ihre Betrachter dazu, sie als Tatsachen zu akzeptieren. Doch ich erlaube mir zu bezweifeln, daß die Verborgenen so aussehen, wie ein einziger Mensch sie sieht und zeichnet. In der Festschreibung ihrer Gestalt sehe ich sogar eine gewisse Gefahr, nämlich eine Reduzierung der Phantasie auf (schlimmstenfalls) Klischees. Wir dürfen ja nicht vergessen, daß die stereotypen, bieder-deutschen Gartenzwerge ebenso wie die isländischen Verborgenen Wurzeln im Volksglauben haben. Vielleicht traten Gartenzwerge einmal in vielfältiger Erscheinung auf, ehe sie konkretisiert und standardisiert wurden. Der Volksglaube ließ sicher Platz für Vielfalt. Er stützt sich auf Wörter, nicht unbedingt auf Bilder. Wörter lassen Platz für innere Bilder. Wer einmal so alt ist wie ich und ganze Völkerschaften von Gartenzwergen gesehen hat, alle trotz ihrer unterschiedlichen Geschäfte und Gesten monotypisiert wie ein Markenzeichen, fordert mehr Behutsamkeit bei der Illustration des Unsichtbaren. Im Anschluß an eine Tagung über Tourismus vor kulturellem Hintergrund, bei der als wichtiges Thema auch der Volksglaube seine Erwähnung fand, fand eine Diskussion statt, und da warnte Þór Magnússon, Direktor des Nationalmuseums, davor, den Volksglauben an Verborgene, so wie Märchen und Sagen ihn darstellen, touristisch auszuschlachten. Und es ist ja auch merkwürdig, wenn ein Ort auf Grund unsichtbarer Phänomene hohe Besucherzahlen verzeichnen kann, während die sichtbaren Phänomene eher am Rande präsentiert werden, wobei eingeräumt werden muß, daß diese raffinierte Methode letztendlich eine nicht zu unterschätzende Werbe-Chance für struktur- und attraktionsarme Regionen darstellen kann. Jedenfalls sprach Þór davon, daß um des lieben Tourismus willen eine Tendenz besteht, neue Märchen von Elfen und Trollen in die Welt zu setzen, weil es sich so gut macht. So viel wie heute sei in Hafnarfjörður (wo die besagte Tagung stattfand) nie von Verborgenen die Rede gewesen, auch wenn allem Anschein nach früher hier und da Begegnungen mit ihren stattgefunden haben. Die Erklärung für ihr neuerdings so zahlreiches Auftreten im Hauptstadtgebiet liege, so Þór Magnússon, vielleicht in der Landflucht. Mit dem Zuzug der Landbevölkerung ins Hauptstadtgebiet scheint auch eine Landflucht der Verborgenen verbunden zu sein. Diese Erklärung stieß bei den Tagungsmitgliedern auf ungeteilte Heiterkeit und hatte wohl auch darauf abgezielt. Offenbar verband sie ein huldufólk-Bild, das eher dem Volksglauben als einer modernen Adaption der Unsichtbaren an unsere Welt entspricht. Das von den Vorstellungen der Kindheit ausgeht, ihren mit Phantasie gelösten Rätseln; ausgehend von den mündlichen Berichten, die ohne optische Darstellung auskamen. Und so räumen aufgeklärt-moderne Menschen bereitwillig die Existenz von Verborgenen ein: Ihnen schweben die inneren Bilder ihrer Kindheit, des Volksglaubens, vor. Was nicht unbedingt heißt, daß sie elfenburgenfest daran glauben. Beitrag von Gudrun M. H. Kloes |
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