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Eisreiter und Pechvögel (06.07.2001 - 09:40)
Neulich habe ich mir ein antiquarisches Buch angeschafft, und auf dem Titel sind an der Stelle Nordwest-Islands, wo wir wohnen, drei Totenschädel eingezeichnet. Das Buch heißt Hrakfallabálkur, Pechvogel, und beschreibt gewissenhaft Jahr für Jahr ab 1600 bis 1850, was in unserer Gegend alles schief gegangen ist. Gleich 1601 gab es eine schreckliche Sonnenfinsternis, und 1604 holte eine Frau auf dem Hof Skinnastaðir eine Sense aus der Scheune, setzte sich damit aufs Pferd, fiel runter und schnitt sich dabei so heftig, daß sie starb. Und so geht es weiter bis 1850, als ein gewisser Guðmundur Jónsson beim Flußdurchqueren mit seinem Pferd ertrank. Allein das Jahr 1833 verlief unglücksfrei: Nichts Bedeutendes vorgefallen, meldet der Chronist.
Aber davor und danach vermerkt er während der genannten 250 Jahre jede Menge Pech: Einige Männer wurden wegen Zauberei verbrannt, obwohl sie ihre Unschuld beteuerten; einer erdrosselte sich im Schweif seiner Mähre, mehrere Diebe erhängte man, zahlreiche Schiffe und Boote strandeten mit Mann, Maus und gelegentlich auch Ausländern; viele arme Leute erfroren auf Wanderschaft, stark angeheiterte Pastoren oder Küster ertranken in Flüssen, und manch einer brach mit seinem Pferd auf zugefrorenen Seen durchs Eis und erfror oder ertrank, wenn nicht sogar beides auf einmal.
Wir sind auch über den zugefrorenen See Rauðavatn gestiebt, Maike auf Stjarni und ich auf Nasi, als wir vor zehn Jahren bei Reykjavík Pferde hatten, und mit Stollen unter den Eisen geht das sehr gut. Rauðavatn ist nicht tief, trocknet in warmen Sommern sogar aus. Auch Tjörninn in Reykjavík, der Stadtteich, ist nicht tief, kaum einen Meter. Dort hielt der Bereiterverband, Félag tamningamanna, im März ein Turnier. Klares Wetter, federndes und schneebedecktes Eis, namhafte Pferde wie Kolfinnur und Piltur, Freizeitreiter und Profis, Tölt und Rennpaß und Passanten, die sich für das Geschehen interessierten. Sie staunten nicht schlecht. Und die Presse war gut vertreten.
In unserer Gegend gibt es, Presse hin, Presse her, schon lange jährliche Eisturniere. Dazu eignen sich diverse Seen, u.a. Miðfjarðarvatn, wo der Sagaheld Grettir vor rund tausend Jahren eine unsanfte Art Eishandball spielte. Diesmal fand das Eisturnier auf Flóðið im Tal Vatnsdalur statt, eingerahmt von den unzähligen Hügeln Vantsdalshólar, zu denen in meiner Pechvogel-Chronik steht: >1720, in der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober, löste sich eine unheimliche Steinlawine vom Berg oberhalb des Hofes Bjarnastaðir, daß man meinen könnte, die ganze Bergflanke wäre abgerutscht, wie auch noch zu sehen ist. Sie riß den Hof mit allem, was darin war, mit sich, darunter sieben Leute, ebenso Pferde, Schafe und Rinder, die in der Nähe waren. Die Lawine staute den Fluß Vatnsdalsá und füllte das Flußbett mit Gestein und Erde, und jenseits des Flusses warf sie die Hügel Vatnsdalshólar auf, die aber auch aus einer ähnlichen Katastrophe des Jahres 1545 stammen können. Seitdem bildet der Fluß einen See, der allerdings immer flacher wird...<, vermutlich durch Geröllablagerungen, denn alle Zuflüsse springen von steilen Bergen oder aus dem Hochland herab. Ein Eisritt auf Flóðið, fliegender Paß auf der schwingenden Seeoberfläche. Jaja, wird man sich denken, in Island ist so etwas möglich. Da müssen Reiter nichts weiter als die Konsistenz des Eises prüfen, ein wenig Organisationstalent haben, den notwendigen Turnierüberbau schaffen und auf gut trainierten Pferden antreten, schon ist das Eisturnier perfekt. In der Tat ist es nicht viel anders, abgesehen davon, daß man außerdem die Erlaubnis der Seebesitzer braucht, also der anliegenden Bauern, denen Ufer und das gesamte Wasser im einen oder anderen Aggregatszustand mit allen darin befindlichen Fischen gehören. Von den durch die Steinlawine 1720 aufgehäuften Geröllhügeln bei Flóðið, jedenfalls den höheren, ist die Kirche von Þingeyrar zu sehen, die nahe am See Hóp liegt, den man im Sommer durchreiten kann. Er friert nicht zu, weil er mit dem Meer verbunden ist. Die Kirche wurde von Oddur Árnason erbaut, der 1702 bittere Bekanntschaft mit dem feucht-kalten Element schloß, wie das Pechvogelbuch vermerkt: >Drei Männer ertranken nacheinander im Fluß Svartá, alle im gleichen Eisloch. Einer davon war Oddur Árnason. Er hatte eine gute Schulbildung und war lange im Ausland, wo er viele Gefahren bestand. Es heißt, er hätte geahnt, daß er in Island sterben würde und nannte in diesem Zusammenhang Svartá. Ferner heißt es, daß er gelobte, etwas Erinnerungswürdiges zu bauen, sollte es ihm vergönnt sein, in der Heimat zu sterben. Das hat er eingehalten - er erbaute u.a. die Kirche von Þingeyrar, die als schönstes Gotteshaus ihrer Zeit galt. Oddur ertrank, als er Svartá überquerte und hatte einen dicken Mantel an, der ihn runterzog. Aus den Quellen geht nicht eindeutig hervor, ob der Fluß eisfrei oder zugefroren war, aber das Letztere ist wahrscheinlich, wenn man die beiden Unfälle, die sich kurz danach zutrugen, bedenkt.
Wie es scheint, bereitet man heute die Freizeit besser vor als früher die Notwendigkeiten des Alltags: bei den Eisturnieren ist noch niemand naß geworden.
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