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Haben Sie mein Pferd gesehen? (06.07.2001 - 09:45)

Die besiedelten Gegenden Islands sind mit Zäunen gesegnet. Aber je weiter man ins unbewohnte Inland kommt, um so mehr reduzieren sich sinnreiche Zäune auf einzelne Pfosten sowie durchhängende oder wie Fußangeln im Gras liegende Drähte, und erst der lange Heidezaun, der die gemeinsamen Hochland-Weiden von bewohnten Landesteilen trennt, hat wieder jene Beschaffenheit, die man sich von Vorrichtungen wie Zäunen wünscht: straffe Drähte, funktionierende Tore und aufrechte Zaunpfähle. Auch um unseren Hausgarten herum zieht sich so ein stabiles Gebilde, um Schafe und Pferde draußen zu halten.
Trotzdem wußte bis vor kurzem niemand auf der Welt genau, wo sich diese Zaunpfähle eigentlich befanden. Das klingt nun nicht sehr überzeugend, denn sie stehen im täglichen Blickfeld und sind darüberhinaus Lieblingslandeplätze von Rotdrosseln, Bachstelzen und Rotschenkeln. Vor kurzem jedoch kam jemand mit einem geheimnisvollen Kästchen vorbei, legte es auf einem Pfosten ab und peilte dessen Lage elektronisch-exakt über Satellit aus; er steht auf 65° 14' nördlicher Breite und 25° 50' westlicher Länge.

So weit, so gut; der praktische Wert strebt gegen Null. Was wäre man aber dankbar, ein entlaufenes Pferd (samt Sattel) orten zu können, denn nicht immer ist ein freundlicher Mensch in der Nähe, der auf die Frage “Haben Sie mein Pferd gesehen?” Antwort geben könnte. Vielmehr grast der Ausreißer vermutlich in einer versteckten Senke oder verbummelt den Tag in einer Flußebene und scheint seiner notgedrungen wandernden Reiterin keine Träne nachzuweinen. Ganz zu schweigen davon, wenn sich eine ganze Herde über Nacht verdrückt oder das Packpferd (wie kürzlich geschehen) mit allerhand Kostbarkeiten in das Reich der hulduhestar, jener unsichtbaren, nur in Island vorkommenden Elfentölter, aufgemacht hat - jedenfalls war das irdische Packpferd nirgends mehr zu sehen, egal wie man sich die Augen rieb. An Ausreißerpferden, wie es sie nicht nur in Island häufiger gibt, scheitern nicht nur Reiter und Pferdefreunde, sondern auch die unbeirrbaren Satelliten, die mit Zaunpfosten so spielend fertigwerden. Die Satelliten orten kein Objekt in Bewegung und kommen so schnell, wie eine Herde davongaloppiert, mit den Koordinaten nicht zurecht.

Wenn man allerdings weiß, wohin das Objekt in Bewegung (sprich die Herde, das Packpferd, das Reittier) sich zu begeben gedenkt, ist es durchaus möglich, die Route und alle Abweichungen über den künstlichen Rechenplaneten auszutüfteln. Nur, wie die Praxis immer wieder zeigt, ist das ein unrealistischer Trost.

Zum Glück ist das GPS-Ortungsgerät für andere Anwender gedacht als Reiter in prekärer Situation. Die wissen sowieso immer genau, wo sie sind: bereits auf dem Boden oder auf dem geraden Weg dahin, denn die kürzeste Verbindung zwischen Sattel und Boden ist die Fall-Gerade. Auch zentaurisch-sichere Reiter brauchen ihren Standpunkt nicht auszupeilen, weil sie entweder zu beschäftigt, im siebten Himmel oder von da auf dem Weg nach unten sind. Den Pferden scheint der Standpunkt erst recht kein Kopfzerbrechen zu bereiten, solange genügend Gras und einige Kameraden um sie herum sind. Und was sie sich in so einer idealen Position ausdenken, wenn der Horizont ihnen 360° weltweiter Breite verspricht (jedenfalls in Island), kann sowieso kein elektronischer Standortfahnder je ermitteln.

Vielleicht wäre es daher dankbarer, ein prophylaktisches Fluchtpunkt-Aufspürgerät zu entwickeln, das unter Einbeziehung des letzten bekannten Standpunktes eines bestimmten Pferdes (oder einer Herde) die Wahrscheinlichkeit staffelt, mit der verschiedene Fluchtpunkte angesteuert werden könnten. Und zwar zeitig genug, ehe es zum lästigen Hinterherflitzen kommt. Selbstverständlich wird unsereins auch durch fleißiges Datensammeln (sprich wiederholtes, atemloses Rennen) nach und nach allmählich klüger. Aber nie so pfiffig wie die Pferde.

Doch zurück zum Zaunpfahl auf dem 65. Breiten- und dem 20. Längengrad. Jetzt, wo er durch seine Koordinaten so eindeutig von den anderen Pfosten unterschieden ist, könnten wir ihn auf jeder offiziellen Landkarte als Orientierungspunkt ausgeben. Wenn nur die Höhenangabe über NN, d.h. dem Meeresspiegel, eindeutig zu ermitteln gewesen wäre. Sie schwankte beträchtlich zwischen 40 und 120 m, als wäre unser Zaunpfosten nicht sicher genug im Boden verankert oder der Boden ringsum in heftiger Bewegung, was in Island natürlich, wenn auch weniger extrem als die Messungen angaben, durchaus denkbar wäre.

Wenn er also nicht als Vermessungspunkt taugt, könnten wir dem Zaunpfahl eine andere Aufgabe verleihen. Ich stelle mir vor, daß er einem handzahmen Kolkraben als Standort dient. Einen klügeren und flexibleren Standortfahnder könnte man bei Pferdeproblemen kaum finden. Bei Bedarf, d.h. im Falle entsprungener Pferde, würden wir ihn auf die Suche schicken, und er käme mit guten Botschaften zurück. Flöge dann voran und würde uns den Weg zu den Abtrünnigen zeigen. Zwischendurch würde er mit schiefgelegtem Kopf die Wolken studieren und sich eine besonders schöne, auffallende Himmelsformation einprägen. Warum?

Als Dank für seine Dienste käme dieser Rabe heimlich durchs Dachfenster hinein, wackelte direkt zu meinem Schmuckkasten (denn sie sind nicht nur schlau, diese Burschen, sondern haben auch Geschmack), und vielleicht wärs der Onyxstecker oder der Bernsteinring, mit dem er sich davonmachte. Und dann würde er das Schmuckstück irgendwo unter freiem Himmel im Gras oder auf einer Schotterfläche nach guter, isländischer Rabenart verscharren und sich das Versteck am Stand der Wolken merken, deren Koordinaten nie jemand ermitteln kann ...

Nein, so geht es auch nicht. Es gibt keine märchenhafte Lösungen bei der Pferdesuche. Nur solche, durch die man nach und nach allmählich klüger wird, aber nie so pfiffig wie die Pferde. Denn daß auch der aufrechteste Zaunpfosten vorwiegend der menschlichen Beruhigung dient, ist keine rein isländische Weisheit.

Beitrag von Gudrun M. H. Kloes
 
 

 
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