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Der Geschichtenerzähler Homer (06.07.2001 - 09:56)

An einem regenlastigen Nachmittag
legte der Geschichtenerzähler Homer
sein Schiff aus weitgereistem Traum
in Reykjavik an.
Er verließ den Pier
und nahm ein Taxi, das ihn
durch regengraue Straßen fuhr,
wo traurige Häuser vorbeizogen.
An der Kreuzung wandte der Geschichtenerzähler Homer
sich dem Fahrer zu und sagte:
"Wie ist die Vorstellung möglich,
daß hier in dieser regengrauen
Monotonie eine Erzählernation lebt?"
"Genau das ist der Grund", war die Antwort des Fahrers,
"nie ersehnt man sich mehr
eine gute Geschichte, als wenn Tropfen
gegen die Scheiben trommeln."

Wenn Tropfen gegen die Scheiben trommeln
und Nebel, der in die Bucht wallt,
Berge und Meer verhüllt,
nichts erzählenswert ist,
bloß der Schneematsch der Straßen,

kein Zaubergesang,
kein Sonnenlied,
nur schmelzende Spuren
wie Regen im Meer,
in der Leere; und singender,
blasender Wind ...

Grau verhüllt
schwingt Zeit in den Straßen,
traumlos schweben Vögel
versprengt in der Stadt.
Regenfahnen des Himmels
engen den Hals ein
und das Nachtdunkel ergießt sich
wie ein Netz auf die Welt.

Jemand steuert sein Boot auf das Meer,
es ist singende Woge,
es ist schlafendes Haus,
das Segel aus Traum gewunden.
In Wellen legt sich die Erde
entlang schwarzer See
und Lichtschein schwingt
lodernd in Straßen.

Von Einar Már Guðmundsson

aus "Klettur í hafi", S. 83


[Stadtbücherei Reykjavík über Einar Már]

Beitrag von Gudrun M. H. Kloes
 
 

 
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